Die Flüchtlinge

Seit Tagen sahen wir auf der Landstraße Zirkwitz-Zitzmar Pferdegespanne mit Ackerwagen in Richtung Westen fahren. Diese Leute kamen von Ostpreußen. Ihre Wagen waren alle mit einem übergespannten Dach versehen. Zuerst waren es nur immer einige, später wurden es endlose Trecks. Die Leute waren auf der Flucht vor den russischen Soldaten. Aus einigen Wagen hörte man Kinder weinen, die sicherlich Hunger hatten. Lebensmittel zu kaufen war so gut wie unmöglich, denn dann hätten sie den Treck und ihre Bekannten verloren - es wurde nicht gewartet.

Die Anwohner konnten nicht helfen, denn sie hatten kaum selber was zu Essen.

Der Treck wartete nicht! Wer ein altes oder krankes Pferd, dass nicht mehr laufen konnte, vor seinem Wagen hatte, musste es schnell ausspannen und am Straßenrand stehen lassen. Diese Pferde wurden von den flüchtenden deutschen Soldaten erschossen.

Ab Mitte Februar sah man auch russische und englische Gefangene, von deutschen Soldaten beaufsichtigt, zwischen den Trecks. Die russischen Gefangenen hatten offensichtlich einen größeren Hunger als die englischen. Wenn sie tote Pferde am Straßenrand sahen, stürzten sie darauf zu um etwas zu Essen zu bekommen. Dieses mussten sie mit dem Leben bezahlen - denn es konnte ja als Flucht ausgelegt werden - und sie wurden erschossen.

Mit den englischen Gefangenen ging man humaner um.

An einem Vormittag hielt ein Militärwagen vor unserem Haus. Es stiegen zwei deutsche Offiziere aus und baten meine Mutter um Nachtquartier. Sie hatten die Aufsicht für die Gefangenen. In unserem Ort wollten sie eine Zwischenstation machen. Sie erzählten meiner Mutter, dass sie die englischen Gefangenen abends freilassen. Es könnte sein, dass einige von denen bei uns ans Fenster klopfen und sie nach Essen fragen würden. Sie sollte keine Angst haben, denn diese taten keinem etwas zu leide und sie kamen immer wieder zurück. Die russischen Gefangenen wurden nicht freigelassen,  zu diesen hatte man kein Vertrauen.

Trotzdem hatten wir große Angst. Abends, etwa gegen 21 Uhr, hat meine Mutter das Licht ausgemacht und wir saßen auf dem Fußboden mit dem Rücken zur Fensterwand. Es dauerte auch nicht lange, dann wurde an das Fenster geklopft. Man hörte eine Stimme: "Frau, Hunger, Brot".

Meine Mutter war eine sehr mitfühlende Frau und hatte Mitleid mit diesen noch recht jungen Leuten. Sie ging trotz großer Angst in die Küche und belegte Brote für sie, um sie ihnen zu geben. Die Gefangenen bedankten sich höflich dafür und gingen dann weiter. Uns ist nicht geschehen, und meine Mutter war froh gewesen, ein bisschen helfen zu können.

 

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