Das erzählte Mutter aus ihrer Jugend

Aus dem Osterwasser wurde Plapperwasser

Meine Mutter, damals ca. 14 Jahre alt, hatte sich mit ihrer Freundin abgesprochen, sich zu Ostern „Osterwasser“ zu holen. Sie hatten von älteren Leuten erfahren, dass man wenn man sich damit wäscht, eine besonders schöne und glatte Haut bekommen sollte. Sie hatte zwar, ihrem Alter entsprechend, eine schöne Gesichtshaut, aber schaden konnte es ja nicht.

Am Ostersonntag vor Sonnenaufgang machten sich meine Mutter und ihre Freundin, jeder mit einem kleinen Eimer in der Hand, auf den Weg in den Wald zu einem Bach. Sie hatten sich seit einigen Tagen nicht gesehen und mussten sich nun die Neuigkeiten erzählen. Dabei wurde auch herzhaft gelacht. An dem Bach angekommen wurden die Eimer sofort mit dem fließenden und sauberen Wasser gefüllt.

Viel Zeit hatten sie nicht mehr, denn vor Sonnenaufgang mussten sie wieder zu Hause sein, sonst verlor das Wasser seine Wirkung. Auf dem Nachhauseweg wurden sie von Leuten angesprochen und gefragt, ob sie sich Osterwasser geholt hätten? Beide gaben bereitwillig Auskunft und wunderten sich darüber, daß einige dann mit dem Kopf schüttelten. Kurz vor ihrem Haus erfuhren sie von einem Nachbarn, dass das Wasser, welches sie sich geholt hätten, kein Osterwasser mehr sei. Er hätte sie schon von Weitem kommen hören und sie hätten auch viel gelacht. Beide Mädels sahen sich fragend an und wussten nicht was der gute Mann damit sagen wollte. Zu Hause erfuhr Mutter dann von ihren Eltern, dass auf dem Weg hin zur Quelle und zurück nicht gelacht und kein Wort gesprochen werden durfte, sonst hätte man statt Osterwasser Plapperwasser im Eimer. Das Wasser hätte dann keine Wirkung mehr.

Mutter hat sich trotz allem mit dem Wasser gewaschen und ich bin der Meinung das Osterwasser, welches keines mehr war, hatte doch seine Wirkung gehabt. Als sie mit dreiundsiebzig Jahren starb war ihre Gesichtshaut immer noch schön und glatt.

 

Die Gesundbeterin

Meiner Oma ging es seit einigen Tagen gesundheitlich nicht gut. Sie hatte sich eine Grippe zugezogen und musste das Bett hüten. Ihre Töchter hatten ihr schon mehrfach heiße Milch mit Honig und Kamillentee zubereitet. Aber diese Hausmittel wollten zur Genesung nicht so recht wirken und die Oma musste weiterhin im Bett bleiben.Abends, es war schon recht spät, klopfte es an der Tür. Großvater öffnete und sah eine fremde Frau vor sich stehen. Eine Zigeunerin mit einem Baby auf dem Rücken. Sie begrüßte ihn freundlich und brachte auch gleich ihr Anliegen vor. Sie sagte: „Ich habe von ihren Nachbarn erfahren, dass ihre Frau schwer krank sein soll. Wenn es ihnen recht ist, werde ich ihr helfen.“Großvater war sprachlos, was bei ihm selten vorkam, aber er hatte sich schnell wieder gefangen und fragte sie, wie sie das anstellen wolle? Sie machte ihm klar, dass es für sie nicht schwer sei, der kranken Frau zu helfen und sie habe bisher in diesen Fällen wirklich gute Erfolge gehabt. Sie mache es mit Gesundbeten.Gutgläubig, wie er war, ließ er die fremde Frau herein. Er glaubte die Zigeunerin würde sich ans Bett der Kranken setzen und Gebete sprechen. Aber so einfach war die Sache doch nicht. Damit ihre Gebete auch volle Wirkung zeigten, benötigte sie das ganze Geld das sich in dem Haus befand. Großvater fand das nicht in Ordnung, denn die Fremde brauchte nun wirklich nicht wissen, was sie an Bargeld zu Hause hatten, aber wenn der Großmutter geholfen werden sollte, musste das eben sein.Die Zigeunerin nahm das Geld entgegen und beteuerte, dass er alles wieder zurück bekäme. Sie setzte sich in eine Ecke des Raumes und fing sofort mit einem leisen Gemurmel an zu beten. Nach einer gewissen Zeit war die Zeremonie fertig. Sie tat sehr erschöpft als hätte diese von ihr kommende Hilfe sie sehr mitgenommen. Großvater bekam die Geldscheine wieder zurück. Der kranken Oma wünschte sie noch gute Besserung und dann machte sie sich auf den Weg zum nächsten Kranken.Der Großmutter kam diese Sache doch etwas komisch vor. Man konnte ja beten, aber was sollte das mit dem Geld, fragte sie sich? Sie ließ sich von Großvater die Scheine geben und zählte sie nach. Als hätte sie es nicht geahnt, der Betrag war kleiner geworden.„Die Frau hat uns bestohlen“, rief sie, „es fehlt ein Schein!“ Großvater wollte es nicht glauben und zählte selber noch einmal nach. Es blieb dabei, Großmutter hatte recht. Nun hieß es schnell zu handeln, denn die Person konnte noch nicht weit weg sein.Großvater machte sich eiligst auf den Weg, zu dem Ort, wo die Zigeuner vorübergehend ihre Wohnwagen abgestellt hatten. Kurz vor diesem Platz konnte er sie noch einholen. Er fasste sie an den Arm und hielt sie fest, damit sie nicht fliehen konnte. „Du hast mir Geld gestohlen“, schrie er sie an.Die Diebin bestritt diese Tat, so etwas würde sie nie tun, doch Großvater blieb bei seiner Behauptung und ließ sich nicht umstimmen.Nach einer kurzen Zeit änderte die Diebin ihre Meinung. Sie sagte: “es kann ja möglich sein, daß mir beim Beten ein Schein herunter gefallen ist und ich es nicht bemerkt habe.“ Dann fasste sie in ihre Tasche und gab dem Großvater das entwendete Geld zurück.Für die Großeltern war die Welt nun wieder in Ordnung und sie wollten in der Zukunft doch etwas vorsichtiger mit dem Geld umgehen.

Die Porzellaneier

Auf dem kleinen Hof meiner Mutter lebten mehrere glückliche Hühner, die nicht eingesperrt waren. Morgens in der Frühe wurde eine Klappe am Hühnerstall geöffnet und die Hühner konnten sich den ganzen Tag auf dem Hof aufhalten. Futter war für sie ausgestreut und frisches Trinkwasser stand in der Nähe des Hühnerstalls. Die Hühner hatten die Möglichkeit im feinen Sand ein Bad zu nehmen und auch selbst für ihre Beköstigung zu sorgen. Der Hahn suchte sich einen Zaunpfahl und krähte von dort sein „Kikeriki“. Aus lauter Dankbarkeit gingen die Hennen ab und zu in den Hühnerstall und legten dort in die weichgepolsterten Nester, in denen schon ein Porzellanei lag, ein Ei dazu. Abends, bevor die Klappe wieder geschlossen wurde, wurden die gelegten Eier aus den Nestern genommen.

Hennen, die Nachwuchs haben wollten, suchten sich im Strohdiemen eine passende Stelle um dort ein eigenes Nest zu bauen und ihre Eier abzulegen. Waren es genug Eier zum Ausbrüten, kamen sie einfach nicht mehr in den Hühnerstall zurück und galten als vermisst. Nach einer gewissen Zeit waren sie wieder anwesend und von mehreren Küken umgeben. Eines Tages stellte Mutter fest, dass nicht genügend Nester vorhanden waren und unbedingt noch einige hergerichtet werden müssten. Vater zimmerte kleine Kisten zurecht, die Mutter dann mit Stroh auspolsterte. Die hierfür fehlenden Porzellaneier wollte sie bei dem Händler, der in gewissen Zeitabständen mit Pferd und Wagen auf den Hof kam, kaufen.

Es dauerte auch nicht lange und der junge Mann erschien an der Tür und bot seine Waren für den Hausgebrauch an. Meine Mutter kaufte bei ihm Teller, einen Kochtopf und Nähgarn.

Als sie ihn fragte ob er Porzellaneier hätte, nickte er mit dem Kopf, sah sie flehend an und meinte: "Bitte sagen sie es nicht weiter, sonst bekomme ich nie eine Frau!" 

Mit dieser Antwort hatte meine Mutter nicht gerechnet, sie war nur noch sprachlos.

Die Zigeunerin

Bei meiner Mutter zu Hause waren es vier Schwestern und ein Bruder. In ihrer Kinder- und Schulzeit waren sie meistens allein zu Hause, denn ihre Eltern haben als Tagelöhner auf einem Gut gearbeitet. Alle mussten daher im Haushalt mithelfen. Zum Spielen hatten sie kaum Zeit.

Als die Kinder wieder allein waren, klopfte es eines Tages an der Tür und eine Zigeunerin wollte schöne Spitzen gegen geräucherten Speck tauschen. Zwar hatte ihre Mutter ihnen strengstens verboten, fremde Leute ins Haus zu lassen, aber die ältere Schwester fand die Spitzen so wunderschön, dass sie einem Tausch nicht abgeneigt war. Meine Mutter wies sie auf das Verbot der Mutter hin, worauf die Zigeunerin sagte: Ach, die Kleine ist auch noch geizig!

Die Schwester nahm ein Messer, ging in die Räucherkammer und schnitt ein Stück von der Speckseite ab. Der Tausch war nun perfekt.

Als am Abend ihre Eltern nach Hause kamen, musste die Schwester ihr unrechtes Verhalten beichten. Die Mutter war hierüber so erbost, dass sie die Spitze nahm und ins Feuer warf! Nun war alles dahin - der Speck und auch die Spitzen. Aber von da an ließen die Kinder niemanden mehr ins Haus...

Böse Bauernjungs

Meine Mutter und ihre ältere Schwester gingen den Schulweg immer gemeinsam. Die Schule war weit entfernt und auf ihrem Weg kamen sie auch an einem Bauernhof vorbei. Auf diesem Hof lebten zwei größere Jungen, welche die beiden Mädels gerne ärgerten. Eines Tages wurden sie wieder angehalten und nach ihrem Namen gefragt. Die Schwester gab keine Antwort, denn sie wollte ihren Namen nicht verraten. Da fragten die Lümmel noch einmal: Große, wie heißt du? Die Mädchen gaben keine Antwort. Die nächste Frage lautete: Kleine, wie heißt du? Meine Mutter sagte ihren Namen, worüber die Schwester sich sehr ärgerte. Auch nach weiteren Fragen blieb die sie standhaft stumm und verriet ihren Namen nicht. Da nahm ein Junge eine Peitsche und schlug der Schwester damit um die Beine. Sie fing vor Schmerzen an zu weinen.

Ach, du heißt Heulsuse, warum sagst du das denn nicht gleich! war der Kommentar des Bauernjungen. Von da an machten die beiden einen großen Umweg zur Schule.

Die Lehrzeit

Nach dem Schulabschluss sollte meine Mutter in einem Gutshaus die Hauswirtschaft erlernen. Sie war dort mit einem weiteren Mädel angestellt. Hier gab es viel Arbeit - aber wenig zu Essen. Auch wurden sie nicht sehr freundlich behandelt.

Eines Tages war in diesem Haus Besuch angesagt. Die Herrschaften erwarteten ihre Tochter. Diese war wegen ihrer Unfreundlichkeit bei den Angestellten schon bekannt und daher nicht sehr beliebt.

Zur Kaffeezeit musste der Esstisch gedeckt werden und auch Blumen durften nicht fehlen. Die Herrschaften nahmen an der Tafel Platz und dann wurde geläutet. Meine Mutter, die zum Servieren eingeteilt war, brachte den frisch gebrühten Kaffee. Nach kurzer Zeit wurde wieder geläutet. Meine Mutter fragte die Herrschaften nach ihren Wünschen, worauf die Tochter antwortete:Fräulein Erna, meine Tasse ist nicht sauber!

Meine Mutter, die das Geschirr vorher sehr genau kontrolliert hatte, entschuldigte sich. Sie nahm die Tasse und ging zu ihrer Kollegin in die Küche. Beide waren darüber sehr wütend und der Meinung, dass jetzt der Bogen überspannt war. Das Fräulein Tochter müsste nun einen Dämpfer erhalten!

So heckten die beiden Mädchen eine Rache aus: Eine leckte die Tasse von außen und die andere von innen ab! 
Nun wurde die Tasse mit ernstem Gesicht wieder hineingetragen und mit Kaffee gefüllt.

Jetzt war die Tochter zufrieden (und die beiden Mädels auch).

Anmerkung:

Vielleicht wird ein nörgelnder Gast in Lokal genauso behandelt?